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ETCETERA, ST. PÖLTEN, 2010

Rechtzeitiges Buch zum verspäteten Himmel:

Die Götter zittern, wenn sich der Himmel verspätet, denn ihre Taten, »Göttertaten«, werden hinterfragt. Es geht um Verantwortung, wenn Martin Dragosits wissen möchte: »Wie habt Ihr euren Auftritt / Angelegt / Mit Schöpfungsgeschichte / Opfershow/ Und Verzeihungsgeste«? Und gleich als Antwort vermutet: »Oder war es Straßentheater / Spontan improvisiert«? Der Wiener Autor legt seinen zweiten Lyrikband vor, der sich die Komparative redlich verdient: dichter, schwerer, krasser, mutiger, freier und schöner.

Gefühlvolle, tiefe Gedanken in Juli 1914, beschauliche Selbstbeobachtung in Antwort, Verträumtes in – wie bereits der Titel andeutet – Traumfaden, geradezu Unbegreifliches in Vision und haarsträubende Parallelitäten aus der Entomologie in Fortschrittsdemokratie. Die Gedichte machen nicht nur nachdenklich und lassen schmunzeln, sondern wühlen auf. Auswirkungen der Lektüre oder »Ist der Kaffee am Morgen bereits Doping?«.

Und dann wird es sogar handfest: »Wer will schon mit einer Prinzessin vögeln, / die sich über jede Erbse mokiert. / So eine Luxusschnalle ist als / Lebensabschnittspartnerin völlig ungeeignet.« Beim ersten Schlucken tut man gut daran, sich nicht gleich zu verschlucken, denn solchen Zeilen ist ein Lacherfolg gewiss.

Martin Dragosits arbeitet in einem Informatikunternehmen. Als Projektmanager und Teamleiter. Und das hat Folgen. Lyrische nämlich. Die beruflichen Erfahrungen schlagen sich einerseits im Vokabular nieder, wie sich bereits an den Titeln Marktwert, Quotenjagd, Leistungsversprechen, Erfolgsrezept, Saldo und anderen erkennen lässt, andererseits in Szenarien, die aus dem Leben gegriffen scheinen: »Der Planposten ist weggefallen. / Als Ergebnis Selbstverwaltung, / lokale dezentrale Planeten, / ohne Subvention und Göttersupport.« Worte, die wiederum an den in diesem Buch vielschichtig referenzierten Himmel klopfen.

Klaus Ebner - etcetera, Nr. 41, 2010


 
Literarisches Österreich, 2013, Wien | & Radieschen, Wien, 2010

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