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LITERARISCHES ÖSTERREICH, 2013, WIEN
 

,,Belastende Worte wie Rosen / oder Liebe / gehören nicht hierher. / Sie sind grenzwertig / in einem Gedicht, das seinen / Anfang sucht, seine Mitte“. Was sich hier im Geflecht der Gedanken als Programm eines ernsthaft kritisch Denkenden vorstellt, erweckt Neugier und lnteresse; und findet im Lauf der Lektüre seine Bestätigung. Mit Anweisungen zu Aquidistanzen, Irrritationen von Spotlights beschreibt Martin Dragosits in rasch wechselnden Bildern eine Welt der Unrast; ,,plänkelnde Verbindlichkeiten / Handyläuten, / Herzschrittmacherattitüde, versunkene Sinfonien / aus Wechselstrom“.
Schärfer blitzen zwischendurch manche Fragen auf: ,,Wer kennt die Fehler von Bilanzen, / Prüfung und Rechnungslegung, den / Irrtum weit vor dem Komma, der erst / ganz spät sich zeigt?“

ln fünf Abschnitten erschließt sich nach und nach ein Gesamtbild der erfahrbaren Welt,
mosaikartig bunt, oft kühl distanziert, was angesichts der Anhäufung blitzlichthaft wiedergegebener Bilder und Reaktionen darauf auch beabsichtigt erscheint, und wie aus dem Kommentar ersichtlich, zu jener Spannung und Unruhe fuhrt, die so charakteristisch
ist für unsere Zeit und bald schon nach Gegenbildern verlangt. ,,Lasst die Wiesen fliegen, / festgestampften Ärger, Asche / in losgelöster Luft, die Puzzleteile / mögen ihre Kanten am Sonnenlicht / schleifen, die Tage ihre Ränder / nach und nach verlieren, / wie auch wir unsere Notwendigkeit." Kontraste dazu tauchen an anderer Stelle auf: „Das Herz lacht, wenn der Moment / gekommen ist, den Federn Richtung / zu geben, den Abstand zu reihen. // an der Grenze zum Licht: / Atem, sein Heim.“,
Dass der Autor in seinem Nachwort die unterschiedlichen äußeren Gestaltungsformen seiner Gedichte kommentiert, satztechnische Besonderheiten und Anordnung, Groß- oder Kleinschreibung und Interpunktion, das verwundert; fügen sich doch verschiedene
Schreibweisen durchaus in das Konzept eines vielgestaltigen Weltbilds. Grellbunte Wahrnehmungen und daraus sich entwickelnde Assoziationen sowie ihr Ungleichgewicht, das alles zeigt Spontaneität und den konsequent zur Schau gestellten Widerwillen, sich sprachlichen Regelungen zu unterwerfen, um damit gegenwärtige Ansichten und Denkqewohnheiten hervorzuheben und zu verdeutlichen: ,,... Reservate / Zwischen Ungeduld und Rotwein / Abgehungert / Dem Scheitelpunkt von Erwartung / / Und pendle / Durch Gegensätze regelloser / Verhältnisse / Zielorientierte Unsinnigkeiten / In Summe / Ausgeglichene Ergebnisse". Und plötzlich, unerwartet, in völlig anderem Ton, ,,Ich bin wie viele andere / im Herzen / unangepasst allein.“

lnteressant sind diese Gedichte auch da, wo naturgemäß aufgestauten Gedankenkonglomeraten gitterartige Strukturen helfen, einzelne, scheinbar ungeordnet zu Sprache gewordene Wahrnehmungssplitter besser zu betonen, um die Denkkraft des Lesers anzuregen, ja sie zu erzwingen, zeigt sich der „… ganz normale / Wahnsinn / speziell beleuchtet“.

Mattin Dragosits will seine Texte als einziges "großes Gedicht verstehen, einander ergänzende, fortschreitende Themen." Das ist ihm gelungen; und auch, zwischendurch eine ganz andere Ebene durchschimmern zu lassen, die an Fernöstliches erinnert, eine spirituelle Reise: „… / schlanke Füße auf undurchsichtigem Grund. // der Mond, partiell bedeckt, brennende Fetzen / beleuchten karge Absicht, Wange und Haar. // die Blüte, vollkommen, wie ist sie erstrebenswert, / eine Raupe, müde, auf dem Weg zum Schmetterling."

Rosemarie Schulak


 
Bücherschau, 2013, Wien | etcetera, St. Pölten, 2010

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