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LITGES, ST. PÖLTEN, 2009
 

DIE RUHE NACH DEM STURM

„Worüber ich schreibe, / wurde ich gefragt. / Über alles Mögliche, sagte ich, / Organhändler, tote Rockstars, Außerirdische / Zwerge mit Strapsen und gefärbten Bärten, / die um Mitternacht zur Party / ins Bergwerke fahren, / über Ablasshandel mit Karma-Gutschein / oder wie Jesus mit zwölf / Kindern dick und fett geworden ist. / Danach hatte ich meine Ruhe.“

Dies war O-Ton (bzw. -Schreibe) aus Martin Dragosits’ erstem Gedichtband, „Der Teufel hat den Blues verkauft“. Und damit gibt er eine gute Einstimmung darauf, was die p.t. Leserschaft erwartet. Von den „großen“ Themen wie Weltkonflikte und Religion(sirrwitz) über Rock- und Blues-inspirierte Reminiszenzen an die Halbgötter seiner Generation (Dragosits ist 1965 geboren), die sich mit der Gitarre in der einen und dem Joint in der anderen Hand in den weltlichen Olymp namens Popgeschichte geschossen haben, bis hin zu persönlichen, beinahe privaten Aufzeichnungen ist in den 140 vorliegenden Gedichten viel vertreten.

Knappe, punktgenaue Beschreibungen wechseln einander mit melancholisch gefärbten, atmosphärisch dichten Momentaufnahmen ab, die gelegentlich an die Dichter der Beat-Generation wie Ginsberg oder – mehr noch – Ferlinghetti erinnern. Die Direktheit des Letzteren ist auch Dragosits nicht fremd. „Manche springen aus dem Fenster / werden Popstars oder Werbefuzzis / Viele richten sich häuslich ein / zwischen trister Gefühlslage / und geordnetem Tod.“ In seinen besten Momenten (und davon gibt’s in dem Buch viele) besitzt Dragosits’ Lyrik die Schärfe und Präzision von guten Rocksongs. Etwas problematisch werden Dragosits’ Gedichte dann, wenn der Autor mit (zu vielen) Botschaften hausieren gehen zu müssen glaubt. Da trifft man leider auf Gemeinplätze wie „In unseren Träumen ist genug Platz für die ganze Welt“. No na.

Allerdings halten sich die message-trunkenen Moralappelle in überschaubarem Rahmen, sodass in Summe ein sehr wohl gelungenes Erstlingswerk überbleibt, dem man sein Erstlingsdasein absolut nicht ansieht. Was wohl Weiteres aus dem Hause Dragosits erwarten lässt. Spätestens wenn der nächste Sturm durch Dragosits’ Gedanken fegt und er sich wieder hinsetzt und schreibt.
Weil er das muss.
Damit er wieder Ruhe hat.

Thomas Fröhlich



Bücherschau, Wien, 2008 | Literaturmagazin Schnipsel, Bayern, 2007

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