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MARBURGER FORUM, HESSEN, 2007
 

Der erste Gedichtband, den Martin Dragosits, geboren 1965 in Wien, vorlegt, beginnt mit einem programmatischen Text:

Ohne Titel

Worüber ich schreibe,
wurde ich gefragt.

Über alles Mögliche, sagte ich,
Organhändler, tote Rockstars, Außerirdische,
Zwerge mit Strapsen und gefärbten Bärten,
die um Mitternacht zur Party
ins Bergwerk fahren,
über Ablasshandel mit Karma-Gutschein
oder wie Jesus mit zwölf
Kindern dick und fett geworden ist.

Danach hatte ich meine Ruhe.

Das, worüber das lyrische Ich – ironisch-augenzwinkernd – zu schreiben vorgibt, liest sich wie der Themenkatalog eines leicht verschrobenen Schreiberlings. Und in der Tat ist die Bandbreite der Texte von Der Teufel hat den Blues verkauft groß. Die Gegenstände, über die der Autor schreibt, reichen vom „fett und behäbig“ gewordenen Jesus in Indien, einem „richtigen Buddha eben“, der dort „Fruchtsäfte an reiche, ältere Damen“ verkauft über Rocker- und Blues-Texte und die Pop-Legenden Jimi Hendrix, Jim Morrison oder Janis Joplin, über amerikanische Präsidenten, Weltkonflikte wie in Palästina oder Afghanistan, über Religion, Eltern-Kind-Probleme und – die Liste der Themen ließe sich beliebig fortsetzen, der Band enthält 140 Gedichte insgesamt – bis zu eher persönlichen Texten, fast lyrischen „Bekenntnissen“ des Autors, über seinen Vater etwa, seine Religion oder seine Art, zu schreiben.

Die Gedichte präsentieren eine eigene Wirklichkeit des lyrischen Ich. Aber diese Wirklichkeit ist auch die des Lesers. Hinter den verschiedenen lyrischen Themen und Motiven werden die Ereignislosigkeit des Lebens vieler Menschen in diesen Zeiten deutlich, ihre Hilflosigkeit gegenüber politischen oder wirtschaftlichen „Zielvorgaben“ als einer Grunderfahrung, die sie verunsichert und nicht mehr loslässt, ihre Suche nach Bedeutung und Sinn, ihre Sehnsucht nach Erfahrungen der Vergangenheit, der Jugendzeit vielleicht, die – die Rock-Größen dieser Jugendjahre sind längst tot – nicht mehr wiederholbar sind. Es ist spannend-unterhaltsam bei der Lektüre der Gedichte „zuzusehen“, wie das lyrische Ich immer wieder gegen seine Vereinnahmung durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft überhaupt anrennt und mit den Texten für bessere Gestaltungsmöglichkeiten der Wirklichkeit und die Entfaltung der Persönlichkeit kämpft.

Dragosits gibt diesem Ich eine detailgenaue bilderreiche Sprache und einen „Sprechton“ und eine Haltung, für die eine Mischung aus beschreibender Distanz, melancholischer Ironie und unterschwelliger bis offener Kritik und Angriffslust charakteristisch sind. Die Gedichte decken die Brüchigkeit der Realität auf und lassen hinter dem Vorgegebenen, Selbstverständlichen, Banalen eine andere – gefährliche, verführerische – Wirklichkeit aufschimmern. In einem Text mit dem Titel „Zielgruppen“ heißt es zum Beispiel über den Papst:

Er könnte predigen am Petersplatz
den Shareholder Value verdammen
Mckinsey exkommunizieren
und die Geldwechsler aus dem Tempel treiben

Er könnte seine Zielgruppen analysieren
und die Kirchen wären voll

Allerdings entgeht Dragosits nicht immer der Versuchung, mit Hilfe seiner Gedichte kleinere und gelegentlich auch größere Botschaften an seine Leser zu senden, Botschaften voller allzu „braver“ Sätze mit einem leicht didaktischen Hang zum „Gut-Menschentum“ und zu Allgemeinplätzen:

In den Köpfen

Warum sind wir ständig unzufrieden?
Verfolgt von räudigen Wünschen
Gebärden sich unsere zaghaften Träume
Als launenhafte Diven in entfernter Pracht.

In Demut betrachtet sich unser Spiegelbild.
Sieht im Schlagschatten die anderen
Zwerge von der Seite glänzen.
Brüchige Maskerade unter der Sonne.

Warum wird das Leben als Kampf empfunden?
In unseren Träumen ist genug Platz für die ganze Welt.
In der Welt ist genug Platz für unsere Wünsche.
Nur in unseren Köpfen ist es eng.

Die Gedichte sind Momentaufnahmen einer Wirklichkeit aus Verlusten und Einengungen ohne große Ausblicke oder Hoffnungen, dass sich etwas grundsätzlich ändern oder zum Besseren wenden könnte. In dem Verschwinden und Versagen derjenigen, die in den 1960er und 1970er Jahren mit ihren Texten und ihrer Musik das Lebensgefühl der damals Zwanzig- bis Dreißigjährigen überall in der Welt eingefangen und geprägt haben, sieht Dragosits eine Ursache dafür, dass viele heute, Jahrzehnte später, verunsichert nach Identifikationsfiguren suchen und sich ohne solche positiven Leitfiguren schutzlos einer inhumanen Wirklichkeit ausgesetzt sehen. In einem Text, in dem der Autor typischerweise aus einem Lied von Bruce Springsteen zitiert, heißt es:

Manche springen aus dem Fenster
werden Popstars oder Werbefuzzis
Viele richten sich häuslich ein
zwischen trister Gefühlslage
und geordnetem Tod.

Dragosits findet für seine lyrischen Texte Sprachbilder, die immer wieder eine andere – die „bessere“ – Wirklichkeit durchblitzen lassen. Was er manchmal „nur“ beschreibend darzustellen scheint, verfremdet er durch überraschende Wendungen und Pointen in den Schlusszeilen. Mir ihnen verwirrt er den Leser und zwingt ihn, bekannte Dinge und Erfahrungen von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Die auffälligen Schlüsse der meisten Gedichte sind so etwas wie Dragosits` lyrisches Markenzeichen.

Das Gedicht „Peepshow“ gehört zu den Gedichten, die mehr als andere den Autor Dragosits selbst zum Gegenstand lyrischen Schreibens machen:

Ich schreibe gegen den Tod
Jedes Gedicht eine Erinnerung an
den Menschen der ich zu einem
bestimmten Zeitpunkt gewesen bin
Schnappschüsse
subjektiv belichtet
Betrachtungen
im Zeitraffer dargestellt
für ein namenloses Publikum
eine Peepshow für Interessierte
Voilà

Herbert Fuchs


 
& Radieschen, Wien, 2008 | DUM, Das Ultimative Magazin, NÖ, 2008

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