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MONSTERS AND CRITICS, HAMBURG, 2007
 

Poplyrik

Lyrik fürs Volk liefert Martin Dragosits. Denn wie es das erste Gedicht verrät, schreibt der Wiener „über alles Mögliche“.

In den knapp 160 folgenden Gedichten erfahren wir, wie Jesus mit zwölf Kindern „fett und behäbig“ wurde (Schlußstrich). Oder auch, dass Zeit Luxus ist, der Papst Kirchen füllen und wir in unseren Köpfen frei sein könnten. Mit Witz und Ironie entführt uns das Buch auf eine Reise in die Geschichte der Menschheit, wo wir Karl dem I. und griechischen Mythen wie Sisyphus begegnen.

Es nimmt uns mit in die Tiefen der Metaphysik, über die Grenzen der Wirklichkeit, des Seins oder Nichtseins. Und im Hintergrund summt die Popmusik, wenn auch nur bildlich gesehen. Mehr als ein Gedicht widmet der Musikfan Martin Dragosits Jimi Hendrix, Janis Joplin und den Beatles. Zusammen leihen sie dem Gedichtband ihre Stimme, um mit ihm leise zu rebellieren.

Denn so lustig die Gedichte auch wirken mögen, sie eröffnen im Grunde eine ernste Debatte über den Notstand unserer heutigen Gesellschaft. Der Teufel, der den Blues verkauft steht metaphorisch für die Tatsache, dass wir diesen Notstand zulassen, ihn gar selbst kreieren: Kriege, zwischenmenschliche Kälte wie auch das Vergessen der kleinen, existenziellen Dinge. Alles, was uns scheinbar stört, ja sogar zerstört, treiben wir weiter voran, bis unser Leben droht, wert- und bedeutungslos zu werden.

Jeden Tag stirbt jemand durch einen Krieg und wir führen ihn trotzdem weiter (Irgendwo in Afghanistan oder sonstwo). Viel zu selten reflektieren wir über unser Leben (Vorschlag). Und das Bisschen Zeit, das uns nach der Arbeit bleibt, wissen wir durch die bequeme Routine nicht zu würdigen (Für all die Shut Down Strangers & Hot Rod Angels). Dragosits, seines Zeichen Informatiker, weiß, wie er schwierige Themen schmackhaft macht.

Durch originelle Titel (Gedachter Zug zieht) und das Verwenden der Umgangssprache etwa. Andererseits scheint die Mischung aus Ernst und Humor in manchen Gedichten so gewagt, dass es deren Aussage gedeckt hält.

Vielleicht wollen die Gedichte aber keine bestimmte Aussage haben. Vielleicht wollen sie den Leser nur wachrütteln und zum eigenständigen, vorurteilsfreien Denken bewegen. In diesem Fall haben sie es mehr als erreicht.

Der Teufel hat den Blues verkauft (Arovell Verlag Mai 2007)

Arlette-Louise Ndakoze


DUM, Das Ultimative Magazin, NÖ, 2008 | Literarisches Österreich, 2009

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