Martin Dragosits

 

 

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IMPRESSUM:
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Herausgeber, Autor & Cover: Martin Dragosits

Some Rights reserved: Martin Dragosits

Wien, 2012




Das Buch

 

Gedichte in einer eigenen, unverwechselbaren Sprache, kurze, pointierte Texte, atmosphärisch dichte Momentaufnahmen,  witzige Reflexionen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Palette der Themen ist weit gespannt, ein Brückenschlag über die Grenzen der Wirklichkeit, voll Überraschungen, gespickt mit Filmzitaten und Rockmusik. 

 

Die vorliegenden Texte erschienen erstmals 2007 als Teil der Gedichtsammlung Der Teufel hat den Blues verkauft, Arovell Verlag, Oberösterreich. 

 

Nachdem alle Rechte wieder bei mir als Autor liegen, entschied ich mich 2012 dafür, die Gedichte in elektronischer Form unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-SA 3.0 Österreich) wieder zu veröffentlichen, damit ein neues Publikum Zugang zu den Texten finden kann. Auf vier eBooks aufgeteilt, um dem Format besser gerecht zu werden, folgt die Anordnung der Gedichte der erstmaligen Publikation. 

 

Zwischenräume

Vorübergehend

Von der Wirklichkeit

Langer Atem




Der Autor

 

Martin Dragosits, geboren 1965 in Wien, lebt dort, arbeitete nach einer kaufmännischen Ausbildung zuerst als Software-Entwickler, danach in verschiedenen leitenden Funktionen im Informatikbereich, schreibt vorwiegend Lyrik.

 

Seit 1986 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie in verschiedenen Anthologien. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) und des Österreichischen Schriftstellerverbandes.

 

Eigenständige Buchpublikationen: 2007, Der Teufel hat den Blues verkauft und 2010, Der Himmel hat sich verspätet, beide im Arovell Verlag, Oberösterreich.

 

Weitere Informationen über Werk und Person, Leseproben, Buchinfos und Rezensionen, unter

 

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Obscurity is a far greater threat to authors and creative artists than piracy

 

Tim O'Reilly

 

 

 

Du kannst mein Buch umsonst downloaden, es unbegrenzt kopieren, verschenken, an Freunde ausleihen, überarbeiten oder inszenieren, solange du keinen Profit damit machst

 

Cory Doctorow





OHNE TITEL



Worüber ich schreibe,
wurde ich gefragt.

Über alles Mögliche, sagte ich.
Organhändler, tote Rockstars, Außerirdische,
Zwerge mit Strapsen und gefärbten Bärten,
die um Mitternacht zur Party
ins Bergwerk fahren,
über Ablasshandel mit Karma-Gutschein
oder wie Jesus mit zwölf
Kindern dick und fett geworden ist.

Danach hatte ich meine Ruhe.




GETÖSE



Wir müssen schneller werden.
Besser.
Effizienter.

Veränderung ist die einzige Konstante.
Change Management ein zunehmend wichtiger Faktor.
Ein Facility Manager kehrt ab heute das Haus.

Die globalisierte Welt ist ein Dorf,
Tratsch verbreitet sich rasend schnell,
Unsinn erreicht jeden Ort.

In den diskreten Bars der Unternehmenszentralen
trällern ihre Vorstandssänger scheppernd
den Shareholder Value Blues.

Sie tanzen zu Schellacks, braten ein Steak,
schleifen die Scheren und hoffen auf ein Wunder.
Armensuppe gibt es beim Portier.

Macht eine Pause.
Wer sich zu schnell dreht,
sieht sich selbst im Spiegel nicht.

Haltet den Atem an,
eure Jagd verschwendet den Wald,
in den ihr ruft.




MEGALOMANIE



Es geht hoch her
im Café Größenwahn
Alexander erzählt gerade
zum cirka fünfzigtausendsten Mal
seine Story vom gordischen Knoten
die keiner mehr hören kann
aber das kümmerte
die Helden der Geschichte nie

Cäsar verliert sich
in Betrachtungen
über den gallischen Krieg
über seine Fehler
mit Kleopatra und Brutus
dem er nie hätte trauen dürfen
aber so ist das Leben
eines Diktators nun mal

Napoleon lässt Zinnsoldaten
aufmarschieren zur Schlacht
Er kann es nicht lassen
selbst wenn der Magen schmerzt
Mit Gedanken noch immer
in Austerlitz und Jena
Seine Siege gehen ihm
nicht aus dem Kopf

Der Nachwuchs aus dem
zwanzigsten Jahrhundert
muss sich mit den schäbigen Sesseln
in der Ecke zufrieden geben
Aufsteiger sind sie
Parvenüs der Neuzeit
die noch nicht gelten
in diesem besonderen Kreis

Ohnehin ist jeder
nur mit sich selbst beschäftigt
mit seinem Ruhm
seiner Einmaligkeit
Noch immer peitschen
fiebrige Phantasien
der Weltherrschaft
ihre Vorstellungen

Verloren und verlassen
sitzen sie da
die ehemaligen Herrscher
ihrer Zeit
Vom Krieg träumen sie
wie kleine Kinder
denen der Tod
ihr Spielzeug weggenommen hat




PRAGMATISCH



Ohne Idee pragmatischen Anfang
in zögerliche Bewegung gebracht
In Ruhestellung verhalten reagiert
Geduld ausgeschaukelt bis
Motorik das Schlagtempo übernimmt
sich absetzt mit flatterhafter Handbewegung
ruckhaft nach vorne strebt
im Zweikampf mit vorhandener Müdigkeit
das Ziel als erreicht definiert
um wohlverdient schlafen zu gehen




LUXUS



Luxus ist ein audiophiler High-End-CD-Player,
eine Breitband-Internet-Verbindung in die weite Welt,
für jeden Wochentag eine andere Armbanduhr,
Kinder,
gesunde Kinder,
ein Arbeitsplatz, eine Schale Reis,
Medikamente, ein gutes Buch.
Zeit.

Luxus ist Vielfalt und Reduktion,
Freiheit auf Verzicht und Auswahl,
hedonistisch angelegt.

Luxus ist ein orange gekleideter Wandermönch
auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.




ODE AN EINEN RAUNZER



Geädertes Lachen
randlos
gespickt mit Kresse
begraben unter Salzgurken
eingefroren bis zum dritten Tage
auferstanden von den Griesgrämigen
aufgefahren in verhülltes Antlitz
wo es sitzt und wartet
auf einen besseren Tag
denn dein ist der Frust
und die Sorge
in Ewigkeit Amen




KATZ UND MAUS



Welche Fragen haben die Antworten,
welche eben noch souverän
im Scheinwerferlicht ihre Argumente
ausgeworfen haben,
wenn das Publikum nach Hause gegangen
und nur der Zweifel da geblieben ist?

Wie legen die Fragen ihre Taktik an?
Über die Flanken oder durchs Zentrum?
Schleichen sie über Hintertüren
offen auf die Bühne
oder ziehen sie es vor, diskret
im Hintergrund die Fäden zu ziehen?

Und wie verhalten sich die Antworten,
wenn die Presse ausgeladen
und die Mikrofone ausgeschaltet sind?
Zeigen sie versöhnliche Züge,
mit erhobenem Haupt,
oder geht es vorwiegend um den Sieg?




SPURENSUCHE



Essenz
Aus dem Kopf geschüttelt
Wie fahles Laub

Klarheit
Lakonisch vorgetragen
Im Sturm der Düfte

Rhythmisch
Schlagen Worte aneinander
Kieselsteine im Bach

Gesucht
Verdichtet gezirkelte Kreise
Tief in mir




NIEMALS



Niemals ist der Bruder von Niemand,
du weißt schon, dem Kerl,
der gemeinsam mit Odysseus den
Zyklopen Polyphemus geblendet hat.

Er ist ein Furcht einflößender Bursche,
dieser Niemals, wenn er den Mund
aufmacht, weiß man was kommt, da führt
kein Weg daran vorbei.

Mit bestimmtem Ton, der Widerspruch
höchstens als Unterwerfungsgeste akzeptiert,
sagt er sein Niemals. Oft schreit er es,
besonders wenn er zuviel getrunken hat.
Es enthält Drohung oder Endgültigkeit,
Spielraum gibt er nur der Interpretation.

Mit einem Ultimatum gibt er sich gar
nicht erst ab.
Er öffnet die Lippen, wartet ab, er hat Zeit.
Die Drohung ist stärker als die
Ausführung, das weiß jeder Schachspieler
und jedes Kind.

Er stößt mit seinem Verhalten rasch
an Grenzen, Diplomatie als Mittel
ist ihm unbekannt und er feiert
trotzdem seine Erfolge, unter günstigen
Umständen selbst in Regierungskreisen,
bis er es sich verscherzt.

Er hat übrigens eine interessante
Cousine, namens Einmal, eine witzige
Frau, bei Gelegenheit
erzähle ich euch von ihr.




VÖLKERKUNDE



Vernunftinseln,
als Streusiedlungen angelegt,
klippenübersät.
Im Archipel der Geläufigkeit
boshafter Wind.

Flaute.
Weite Wege kreuzen
geradlinige Dummheit,
kannibalische Gelüste,
verborgene Tabus.

Der Weg soll
das verdammte Ziel
sein.
Ein Ablenkungsmanöver
für Nervenschwache.

Yin und Yang,
eine Rahmenhandlung
wie ein Kochrezept.
Das Leben ist
wesentlich komplizierter



.


FÜR ALL DIE SHUT DOWN STRANGERS & HOT ROD ANGELS



Keine Ahnung
was ich hier tue
warum und überhaupt
aber seien wir ehrlich
das geht den meisten so

Manche springen aus dem Fenster
werden Popstars oder Werbefuzzis
Viele richten sich häuslich ein
zwischen trister Gefühlslage
und geordnetem Tod

Some guys they just give up living
And start dying little by little, piece by piece
Some guys come home from work and wash up
And go racin' in the street
                                               (Bruce Springsteen)

Keine Frage
was ich bevorzuge
darum und sowieso
aber seien wir ehrlich
nach der Arbeit bin ich müde




MENÜVORSCHLAG



Geknickte Tränen auf wehem Herz
Gekränkte Hühnerleber serviert in der Pfanne
Dunkler Mut mit heller Freude
Gegrillte Weinleber als Extraragout

Angespannte Omelettes nach Art des Hauses
Hoffnungskompott aus frischen Früchten
Gebratene Tachteln mit zarten Flügeln
Gezuckerter Schimmer über gehauchtes Nichts




FÜR EINE HANDVOLL GEDICHTE



Eine Handvoll wirklich guter
Gedichte
zu schreiben

sollte im Lauf meines
Lebens
doch irgendwie möglich sein

Meine Hände sind
nicht
sehr groß




VETERANENTREFFEN



Schon einmal versucht
nicht
an den rosa Elefanten
zu denken
der auf einem
Fahrrad balanciert?

Oder an den Holzfäller
der keine Zeit fand
zum Schärfen seiner Säge?
In der geheimen Fortsetzung
gewann er übrigens
eine Motorsäge

Workshop erprobte Veteranen
stürzen sich vertrauensbedingt
rückwärts von der Tischkante
machen die Welle
bedienen sich gekonnt
am Fünf-Sterne-Buffet

Gepflegt und anekdotenhaft
hat die Welt Modellcharakter
wie ein aufgeräumtes Zimmer
nach Erstbezug
geregelter Friedenszins
in verdunkelten Räumen

Schon einmal gezockt
in einem Nullsummenspiel?




KREUZWEG



Dieses Lachen,
zwischen uns und mit uns,
von Anfang an, das erste Mal
zwischen Bildern von Arnulf Rainer,
ein farbiges, meist dunkles Kreuz,
auf irgendeinem andersfarbigen
Grund, die Titel zu erraten,
oft gelang es, und das Lachen
war so selbstverständlich
und ging seitdem nicht mehr weg.




FIEBER



Das Militär hat ihn am Leben gelassen,
der Tod war langsam, eine subtile
Schlange auf dem Rückzug.

Davor erstarrte Kameras, Empörung im Wohnzimmer,
erste Risse in der weißen Wand.
Rhythmus fordert seine Rechte. Stampfende
schwarze Füße marschieren bald übers Land.

Danach Agonie auf Leinwandfetzen,
in selbstgewählter Enklave verrinnt sein Talent.
Colonel Parker zählt Dollar-Dukaten,
Aufputschtabletten erfüllen ihren Zweck.

Ein einziges Mal Fulminanz. Im schwarzen Lederdress
schimmern seine Möglichkeiten offensichtlich durch.

Zwischen Casinos und falschen Freunden
einzelne klare Momente.
Das große Fressen sein letzter Film.




RECHENSPIEL



Es geht um temporäre Unsterblichkeit.
Dafür sind viele bereit zu töten oder
sich lächerlich zu machen. Zuweilen beides,
gleichzeitig oder hintereinander. Hauptsache,
die eigene Illusion wird genährt, virtuelle
Zufriedenheit auf einer Skala im Nebel.

Von den Lügen und Verrenkungen will ich
gar nicht reden. Verstellung und Komik
im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Dabei ist
der erzielbare Ruhm eine vernachlässigbare
Größe zwischen Urknall und dem nächsten
Big Bang. Denk dran, unsere Sonne verglüht.




VER-TRAUEN



Lege ich mit einem Asbesthandschuh
meine Hand ins Feuer?
Welcher Wirklichkeit kann ich trauen?

Der zarte Flügelschlag eines Schmetterlings
ist eine Waffe in der Hand des Windes
Die Vergangenheit wälzt sich unruhig
in der Gegenwart ihrer Feinde

Beweise jemandem
dass die Amerikaner auf dem Mond waren
wenn er nicht daran glaubt
Vertraue einem Gottesurteil das deine
Unschuld beweist indem du stirbst

Jede Wüste hat ein Ende
an dem Wasser entspringt




ZWISCHENRÄUME



Zwischen Protonen und Neutronen
Quarks und anderen
transzendentalen Elementen
physikalischer Theorien
deren Beobachtung
Ergebnisse spaltet und verändert
befinden sich unvorstellbar
große Zwischenräume
gefüllt mit einer Leere
auf der wir stehen
schwindelerregend
wie das Ausmaß unserer Existenz
und doch vermögen wir
in und um dieses Nichts
aus dem wir selbst bestehen
zu leben und zu lieben
für einen Wimpernschlag




TRAUM VON TROJA



Troja war eine Enttäuschung.
Ich hatte eine Woche Fieber und Durchfall,
die große Scheißerei nach dem
Essen im falschen Lokal,
Raki war als Medizin nutzlos.

Da stand ich und wusste,
das ist der gleiche Beschiss
wie in meinen Gedärmen.
Das konnten niemals die Ruinen
einer gewaltig befestigten Stadt sein.

Ein paar Steinhaufen,
unter jedem beliebigen Hügel
findet sich hier was Besseres.
Schliemanns Traum deckte sich
mit den Wünschen der Tourismusindustrie.

Das hölzerne Pferd
bin ich trotzdem hinaufgeklettert,
obwohl meine Knie fast versagten.
Ich wusste,
hierher komme ich nie zurück.




POL PLOTS RUF AUS DEM GRAB



Hütet die Felder
Entvölkert eure Städte
Pflügt die Körper eurer Feinde
der Brillenträger und Gebildeten
mit archaischer Besessenheit
Türmt ihre Schädel zu Pyramiden
damit man weithin sieht
wer hier regiert.

Grabt um das Land
mit eigenen Händen
Ihr seid das Werkzeug der Partei
Wir führen euch zurück
in vergangene Zeiten
in denen Schlamm Ungewissheit gebärt
Bleibt standhaftes Material
Euren Zweck bestimmen wir




KLEINGELD



Kompliziertes in einfache Form bringen
ohne es zu pressen oder zu gießen
bedarf künstlerischer Attitüde
dem Mainstream entgegengesetzt
um es selbständig wirksam
nachvollziehbar zu gestalten

Dabei ist es hochkomplex
Zusammenhänge und Assoziationen
auf Verständlichkeit herunter zu brechen
sie zu übersetzen
wie eine ferne Idee
aus einem befremdlichen Land

Das Ergebnis wirkt simpel
wie eine Briefmarke auf einem Kuvert
aber der Erste mit einer solchen Idee
wird zuerst einmal ausgelacht
und wenn der Gedanke sich durchsetzt
bleibt der Erfinder wahrscheinlich unbekannt




UNTERSTÜTZUNGSERKLÄRUNG



Sind die gewöhnlichen Worte
zugelassen am Kongress
erhabener Begriffe?
Steigert der Reiz der Ferne
deren bescheidenen Wert?

Zum Beispiel
Wir haben uns committed
Zustimmung und Verpflichtung
die sich auflösen
in Nullkommanichts

Liegt es an der Übersetzung
die jeder für sich verschämt
selbst gestaltet oder hätte
eine Vereinbarung mehr
Verbindlichkeit gezeichnet?

Welche Bilder und Töne
erzeugt ein Commitment im Kopf?
Wie riecht es
wenn es leichtfertig
aus der Hand gegeben wird?

Und wie wäre
im Gegensatz dazu
das Gefühl von Handschlagsqualität
und welche Sprache
könnte es supporten?




SICHTEN



Aus der Einsicht
welche tief angelegt
als erstrebenswert gilt
obwohl sie sich bedeckt hält
und nur eine Sicht freigibt

Entstand die Zweisicht
welche Für und Wider ordnet
für Trennstriche sorgt
und sich gewaltsam zuspitzt
auf entweder oder oder

Auf ihr folgte die Dreisicht
welche mit Vielfalt pendelt
zwischen begrenzten Ecken
und in der Mehrheit
einen Standpunkt übrig lässt

Erweitert durch die Viersicht
welche in jeder Himmelsrichtung
einen Fanclub findet
der für seine Seite
laut und fanatisch schreit

Die Vorsicht gebietet
vor all diesen Sichten
respektvoll zurückzutreten
und mit Zuversicht
die Augen zu schließen

Damit am Ende
eine klare Aussicht entsteht
mit deren Hilfe
nach eigener Bravour
die Nachsicht den Knoten löst




VERSUCHE EIN GEDICHT ZU SCHREIBEN



während deine Tochter
wie ein Derwisch zu den Takten
des neuesten Popsongs durch
die Wohnung tobt
gutgelaunt ihre Spielsachen verstreut
ohne sie aufzuheben
und zwischendurch von ihren Eltern
ein Wertkartenhandy verlangt

während dein Sohn gleichzeitig
mit seinem Spielzeughammer
auf die Möbel seiner Schwester
einschlägt
mit einem schrillen Schrei anzeigt
dass der Bub aus der Blechtrommel
ernsthafte Konkurrenz erhält
und dabei diabolisch grinst

während deine Frau
zwischen Chaos
ignorierten Ermahnungen
und niedergetrampelten Nerven
laut wütend wird
und das Nützen
eines scheinbar ruhigen Moments
als Schwerverbrechen goutiert




BEDARF



Gutsituierter Planungshorizont
großzügig
flexibel anpassbar
in zentraler Lage
mit visionärem Ausblick
gut angeschlossen
an betriebswirtschaftliche
Modewellen
wegen Neudimensionierung
geringfügig beschädigt
sucht treue Experten
mit Erfahrung in der Steuerung
nichtlinearer Systeme
zur bedarfsgerechten Adaptierung
strategischer Ziele
Leiderprobte Interessenten
melden sich unter der Chiffre
Bastlerhit




ROLLENVERHALTEN



So ein steifer Schwanz
ist etwas Herrliches
Er verspricht Freiheit
und Abenteuer
wie ein Pirat
in einem Technicolor-Film

Er ist anfällig
für den Ruf der Welt
für die Sterne
am Hollywood-Boulevard
für Leistungsdenken
am Horizont

Er ist ein Zauberer
der seine Magie
selbst erzeugt
und sich fallen lässt
wenn er im Krieg
den Kürzeren zieht

Als genussfreudiger Täter
ist er verdächtig
in so gut wie jedem Krimi
dabei ist er Emigrant
in der Wirklichkeit
Zeuge und Passagier




RUSSISCHE TRÄNEN



Warum habt ihr nicht
auf euer störrisches Volk geschossen
in Leipzig oder in Prag
gab es nicht genügend Platz wie in Peking
für ein entschiedenes Menü à la carte
hat das Abendprogramm des westlichen Fernsehens
ohne Rückhalt aus Moskau
eure kleinbürgerliche Siesta überrannt

Michailov warum hast du ein Weltreich verschleudert
es verloren wie ein wodkadurchtränkter Taugenichts
dein gellendes Feuermal
auf die Häute gestürzter Russen gebrannt
du selbst manierlich herumgereicht
als zurecht frisierte Porzellanfigur
in den historischen Werken der Sieger
ist dir eine wohlwollende Seite garantiert




ANSICHTSSACHE



Belohnt das Karma Anständigkeit?
Ist es Teil eines Generationenvertrages,
der anspruchsberechtigt hält?
Picasso zerstörte die Zentralperspektive
mit Übergängen in Rosa und Blau.
Mit Rotwein und Käse statt Buttertee.
Objektive Umstände erfordern angepasste Strategien.
Religiöse Erkenntnis verhält sich
unter zentralen Umständen ungeteilt.

Persönliche Ansichtssache, im Kopf unzensuriert,
eingekeilt zwischen Glaube und Todesangst.
Widersprüche in sich selbst.
Subjektive Anschauung ist ein
selbst gewählter Teilausschnitt,
asketisch begründet, sexuell motiviert,
im Grunde unbeweisbar.
Das eigene Hirn formt die Signale
der äußeren Umwelt experimentell
zu einem ungewissen Ganzen.
Wer sich auf Dogmen beruft,
dem fehlt innerer Halt.




WUNSCHZETTEL



Jene, die ganz genau wissen,
wie alles zu tun sei, mit
aufwärts gerichtetem Zeigefinger
von ihren eigens errichteten Kanzeln
rülpsen, mit einem Tonfall, unduldsam,
der den Morgen einhüllt und keinen
Platz lässt im Nebel, welche den
Galgen mit sich herumtragen, selbst
beim Frühstück, denen wünsche ich
eine entsprechende Wiedergeburt.




VON ANGESICHT ZU ANGESICHT



Was lässt sich anfangen
mit der eigenen Hilflosigkeit?
Sie betrügen?
Wie soll das gehen?
Sie ignorieren?
Ihr Auftauchen wird schmerzvoll.
Sich arrangieren?
Kompromisse hat sie nicht nötig.
Sie umgehen?
Höchstens mit ihr.
Sie gibt den Ton an, wenn sie
zuschlägt.
Eine unheimliche Pranke.
Fische im Aquarium, die
nach Luft schnappen.




PEEPSHOW



Ich schreibe gegen den Tod
Jedes Gedicht eine Erinnerung an
den Menschen der ich zu einem
bestimmten Zeitpunkt gewesen bin
Schnappschüsse
subjektiv belichtet
Betrachtungen
im Zeitraffer dargestellt
für ein namenloses Publikum
eine Peepshow für Interessierte
Voilà




ZIELGRUPPEN



Der Papst könnte eine Enzyklika
verfassen
zu den Themen Cost-Cutting
und Kennzahlen getriebenes Controlling

Er könnte predigen am Petersplatz
den Shareholder Value verdammen
Mckinsey exkommunizieren
und die Geldwechsler aus dem Tempel treiben

Er könnte seine Zielgruppen analysieren
und die Kirchen wären voll




DALLAS-RETROSPEKTIVE



Lee Harvey Oswald muss ein
ziemlich cooler Typ gewesen sein.
Mit einem alten Gewehr in rasend
schneller Folge die entscheidenden
Schüsse abzugeben,
so schnell übrigens,
dass Experten sie nicht
nachstellen konnten.

Nicht zu vergessen die Zauberkugel,
die im Zickzack durch die Gegend flog.
Sich danach seelenruhig ein Cola drücken.
Wie in der Werbung.

Entweder hat er in seiner Jugend zu viele
schlechte Filme gesehen oder er
hat in einem mitgespielt.
Seine Personenbeschreibung war sofort bekannt.
Die Schüsse hinter den Büschen wurden
nie näher untersucht.
Der Zorn des Volkes traf ihn in der Form eines
dubiosen Barbesitzers.

Hat Jack die falsche Frau gevögelt?
Oder sich sonstwie daneben benommen?
Bis heute halten alle dicht.
Omerta.




VORSCHLAG



Plant eure Wünsche.
Ersetzt den Zufall durch Irrtum.
Malt Wolkenschiffe
auf hoffnungsvollen Grund.

Schlagt Kapriolen
in euren Verrichtungen.
Tanzt barfuß
über aufgeschüttete Gräben.

Führt ein Lächeln spazieren.
Verschafft ihm Auslauf.
Reserviert für die Liebe
einen vorgewärmten Sitzplatz.

Gründet für eure Sehnsucht
einen Publikumsfonds.
Gebt frischer Luft
eine faire Chance.




RUHE VOR DEM STURM



Angekündigte Erdbeben verhalten sich auf der
nach oben offenen Richter-Skala zögerlich
Sie schätzen Diskretion und den Moment der
Überraschung als unverhofftes Element in
ihrem von Natur aus begrenzten Repertoire

Ausschlaggebend ist der erste Eindruck
Mit dem Kopf durch die Wand als
Konsenspolitik der dritten Art
Das Zieren von Notwendigkeit
inkompetenter Etikettenschwindel

Wie messen Seismographen halbvolle Gläser?
Angesagtes Mitleid verdrängt Handlungsspielraum
Härte macht unsympathisch
Gewaltmonopol verschlimmert die Lage
Vieles ist Ansichtssache




PIANO



Rhythmus kakaofarben bananenumrandet,
Bacardi-Folklore,
Kokosnüsseromantik,
Glasperlen und Grippeviren als Tauschangebot.

In den Slums tanzt es sich unbeschwert.
Das Glück strahlt aus den Augen der
Arbeitslosen, die neue Bescheidenheit
ermittelt gegen unverdächtige Statisten.

Cocktailgezerre bei abendlichem Kerzenschein,
demente Varianzen im Foxtrott.
Im Swimming-Pool spiegeln sich Kunstoasen,
verchlort und zugenäht.

Das Lächeln der Gastgeber,
strahlend weiß, wie von Ingenieuren
empfohlen. Solche Zahnärzte müsste
man haben. Sie haben keine.




ÜBERLIEFERUNGEN



Was hat Bedeutung, wenn Eis
in der Sonne schmilzt?
Tanzen Schmetterlinge Polka
hinter verschlossener Tür?

Im Zentrum des Orkans
ist Ruhe trügerisch.
Wie ein Western, in dem
der Bösewicht am Leben bleibt.

Wem kann man trauen?
Der Werbung,
dem Wettbewerb,
den Eltern?

Agamemnon wurde im Bad gemordet.
Ein Haushaltsunfall, dem er zu Opfer fiel.
Reduzierte Aufmerksamkeit
nach vielen Jahren in der Fremde.

Sind unsere Sinne scharf genug
für das eigene Ende,
für den Partner,
für dauerhafte Liebe?

Können stumpfe Messer
wählen, was sie tun?